XXL - Die Portions-Falle

Ob im Supermarkt oder im Restaurant: was vor zwanzig Jahren noch als Riesenportion galt, wird heute als normal angesehen. Mittlerweile vergeht keine Woche ohne eine Fernsehsendung zu diesem Thema, ja es gibt sogar Websites die sich nur mir XXL-Food beschäftigen.
Nahezu alle Portionen von Gerichten, die entweder abgepackt im Supermarkt verkauft oder im Restaurant serviert werden, haben sich vergrößert. Und damit hat sich auch das Bewusstsein verändert. Konsumenten glauben inzwischen, dass eigentlich große Portionen normal seien. Wissenschaftler der Rutgers University in New Brunswick, New Jersey haben sich näher mit dem Phänomen der „portion distortion“ beschäftigt.
Bei dieser Studie wiederholte man einen Versuch, der so bereits vor 20 Jahren durchgeführt wurde. Dabei wurden 177 Testpersonen gebeten, sich selber eine Mahlzeit zu servieren, die sie selber als normal groß bezeichnen würden. Die beiden Forscherinnen Jaime Schwartz und Carol Byrd-Bredbrenner baten dabei die Probanden, sich an einem Buffet zu bedienen, wobei sie für ein Frühstück acht, für das Mittag- und Abendessen jeweils sechs Dinge wählen konnten.

25 Prozent über den Empfehlungen

Interessanterweise wurden die größten Unterschiede gefunden, wenn es um Speisen ging, die in einer Schüssel serviert werden oder die getrunken werden können. So war das, was die Testpersonen heute als normal große Portion Orangensaft erachteten, um etwa 40 Prozent größer als vor 20 Jahren, die Portion Cornflakes um 20 Prozent und ein Müsli besteht inzwischen zu 30 Prozent mehr aus Milch.
Im Durchschnitt griffen somit 55 Prozent aller Testpersonen beim Frühstück und 70 Prozent aller Probanden bei den anderen Mahlzeiten zu Mengen, die 25 Prozent über dem liegen, was Ernährungswissenschaftler empfehlen. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte aller Personen Portionen als normal erachten, die deutlich größer sind, als das, was normal ist. „Wenn die Wahrnehmung von Portionen derart verzerrt ist, ist es kein Wunder, dass so viele Menschen zunehmen“ kommentiert Carol Byrd-Bredbrenner diese Beobachtung.

Mehr ist nicht immer besser

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Bemühungen, der Öffentlichkeit nahe zu bringen, dass auch gesunde Nahrungsmittel in ungesunde Kalorienbomben verwandelt werden können, scheinen gefruchtet zu haben. So nahmen die Testpersonen beispielsweise wesentlich weniger Salatsauce zu ihrem Salat als vor 20 Jahren.
Auch wenn die Gründe für Übergewicht vielschichtig sein können, so ist es doch auffällig, dass eine dramatische Gewichtszunahme innerhalb der Gesellschaft parallel zu den immer größer werdenden Portionen von Lebensmitteln auftritt. „Die Leute wollen etwas sehen für ihr Geld. Wenn sie das Gefühl haben, die Portion ist zu klein, fühlen sie sich schnell über den Tisch gezogen“, meint Jaime Schwartz dazu. „Wir müssen wieder damit anfangen, unsere Wahrnehmung gerade zu rücken. Wichtig ist, dass wir wieder die Gabel ablegen, wenn der Magen sagt, es ist genug und nicht alles aufessen, was wir auf unserem Teller sehen können.“
Die Studie erschien im September 2005 im Journal of the American Dietetic Association:
Portion Distortion: Typical Portion Sizes Selected by Young Adults