Selbstvertrauen tanken

Ein interessanter Aspekt des Berggehens ist das Selbstvertrauen in die Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers, das man nach und nach tankt.

Beileibe nicht schnell und gleich - und nur dann, wenn man richtig trainiert.

Nicht richtig - oder nicht optimal - trainiert man, wenn man sich permanent am Limit bewegt, und somit großteils im anaeroben Bereich.
Das ist ab und zu mal nicht schlecht, um sein Tempo zu verbessern oder als eine Art Krafttraining in natürlicher Umgebung, taugt aber nicht, um die körperliche Ausdauerleistung zu verbessern. Nur, wenn man das Berggehen als Ausdauertraining aufbaut, macht es als Abspeck-Unterstützung Sinn. Hochpulsige anaerobe Kraftakte hält man nicht lange durch. Nach 20, spätestens 30 Minuten pfeift man aus dem letzten Loch und ist den Rest des Tages geschlaucht. In dieser halben Stunde hat man zwar sehr viele Kalorien verbraucht, aber noch viel mehr Kalorien kann man ausgeben, wenn man sich weniger verausgabt, im aeroben Bereich bleibt und dafür das Ganze erheblich länger durchhält.
Man sollte beim Bergaufgehen immer das Gefühl haben, dass man noch einen Zahn zulegen könnte, wenn man wollte. Und man sollte das Gefühl haben, dass man die geplante Bergaufstrecke problemlos im eingeschlagenen Tempo bis zum Schluss bewältigen kann und nicht im letzten Drittel "eingeht".
Und genau hier, bei dem, was man "sich im Ärmel behält", liegt das Geheimnis des Selbstvertrauens, das man so ganz nebenbei und unwissentlich mittrainiert, wenn man sich mal der Herausforderung stellt, sich mit all seiner Tonnage freiwillig und gern regelmäßig einen Berg hochzustemmen.
Das ist kein bewusster Vorgang, aber wie weit quasi der Kopf schon Vertrauen in den Körper gefasst hat kann man daran ablesen, wie man mit den "Attacken" umgeht, denen man als Berggeher ungleich mehr ausgesetzt ist als jeder andere Sporttreibende.
Läufer und Radfahrer werden von der Allgemeinheit als sportelnde Menschen respektiert, und es würde keinem Spaziergänger einfallen, mit einem flott daherrauschenden Läufer kurz mal mitzuhalten um abzuchecken, ob man nicht vielleicht doch einen Drücker schneller ist. Auch würden Opis am Klapprad wohl nicht versuchen, einen auf seinem Hightech-Karbonrad vorbeiflitzenden Biker einzuholen.
All das passiert einem jedoch beim Berggehen, und das Schlimme ist: am Berg sieht man den Leuten nicht an der Nasenspitze an, wie es um ihren Trainingszustand bestellt ist. Berge sind unbarmherzig. Da sind nicht die Jüngsten und Dünnsten oder Talentiertesten oder am sportlichsten Gekleideten von vorneherein die besten, sondern einfach die, die am besten trainiert sind. Und die können dicker sein. Oder älter. Oder furchtbar spießig angezogen. Wenn man berggeht, muss man ständig damit rechnen, zu überholen oder überholt zu werden.
Das Überholtwerden darf einen nicht kümmern. Der/die Überholende ist älter? Dicker? Na und? Ist eben besser trainiert. Wer sich dadurch aus dem Tritt bringen lässt und ein Tempo anschlägt, das für den eigenen Trainingszustand zu hoch ist, wird einige Höhenmeter später für seinen falschen Ehrgeiz bestraft, indem er zusehen muss, wie er die dröhnenden anaeroben Glockenschläge wieder aus seinem Kopf rauskriegt.
Es IST schwierig, zu überholen und überholt zu werden: anscheinend ist das ein archaisches Relikt in der menschliche Psyche, die hier ähnlich wie ein Rennpferd tickt. Überholtwerden ist eine Niederlage! Eine schreckliche persönliche Schlappe. Das kann man nicht auf sich sitzen lassen!
Besonders Anfänger, die sich noch keine "dicke Haut" zugelegt haben, und ganz besonders unerfahrene Ab-und-zu-Geher beschleunigen unwillkürlich den eigenen Schritt, wenn sie überholt werden. Das "Mitrennen" oder sich an einen Schnelleren "Anhängen" ist kein Zeichen von besonderer Sportlichkeit oder starkem Ehrgeiz, sondern ganz schlicht von Unerfahrenheit. Wer sein eigenes effizientes Wohlfühltempo gefunden hat, lässt sich nicht aus dem Tritt bringen.
Hier ist Selbstbewusstsein gefragt. Man denkt sich einfach:
ICH gehe MEIN Tempo. Der andere Mensch ist schneller. Nun gut, er/sie ist eben besser trainiert, hat vielleicht weniger Kilos oder Jahre auf dem Buckel, egal: ich werde weiter trainieren und in ein paar Wochen oder Monaten werde ich auch dieses Tempo schaffen.
In vielen Fällen gibt es rasche Aufmunterung für die Psyche, wenn die so flott Vorbeipreschenden dann wenige Höhenmeter später schwer keuchend am Wegesrand herumhängen.
Irgendwann, nach etlichen Trainingseinheiten, weiß man plötzlich eines Tages, dass man zäh genug ist, sein Tempo durchzustehen, dass man noch eine Steigerung in petto hat, dass man das schaffen kann, was man sich vornimmt und genauso, wie man es sich vorgenommen hat. Und man ist dieser wohl fast archaischen (und recht trainingshinderlichen) Konkurrenzsituation "Wettrennen am Berg gegen alles und jeden" gewachsen.
Das macht innerlich ruhig und stark, man hat so ganz nebenbei am Berg Selbstvertrauen gewonnen - etwas, das sich auch im Alltag niederschlägt.
Und: Wenn man Vertrauen in die Leistungsfähigkeit seines Körpers hat, rückt das Ziel, durch entsprechende körperliche Leistung (und nicht durch inaktives Abwarten, ob die Diät anschlägt) das Wunschgewicht zu erreichen, in greifbare und absolut realistische Nähe.
Es ist nicht mehr die Frage, OB man sein Idealgewicht erreicht, sondern bloß die Frage, WANN das der Fall ist.