Die Psychologie des Heißhungers

Heißhunger: Wirkung und neue Behandlungsmethoden

Wohl jeder, der versucht, ein paar störende Pfunde loszuwerden, kennt den Heißhunger. Denn eine Diät durchzuhalten, ist definitiv eine Herausforderung, und die hinterhältigen Essattacken können sich als starke Gegner erweisen. Aber woher kommt dieser Drang? Obwohl Heißhunger ein verbreitetes Phänomen ist, steht die Forschung über seine Ursachen noch am Anfang. Die Psychologinnen Eva Kemps und Marika Tiggeman von der australischen Flinders University befassten sich nun eingehend mit der möglichen Kontrolle von Essattacken und veröffentlichten ihre Studie in dem Journal „Current Directions in Psychological Science“. Dabei werteten sie die bisherige Forschung aus und stellten sie in Zusammenhang mit ihren aktuellen Versuchsreihen.

Heißhunger: das starke Verlangen nach einem bestimmten Nahrungsmittel

Der ganz normale und gesunde Hunger ist das Verlangen nach Nahrung irgendwelcher Art, um sich zu sättigen. Der Heißhunger unterscheidet sich vom Hunger dadurch, dass er sich auf ein spezielles Nahrungsmittel richtet. Ob jemand Schokolade, Eis oder Pommes Frites mit Ketchup vor dem geistigen Auge hat, es muss sofort ausgerechnet das Ersehnte sein, unabhängig davon, ob der Körper satt ist oder nicht. Die meisten Menschen kennen Anflüge von Heißhunger zumindest gelegentlich, aber bei einigen führen sie in ausgeprägter Form zu schweren gesundheitlichen Risiken bis hin zu Essstörungen und Übergewicht.
Woher kommt der Heißhunger? Bisherige Studien legten nahe, dass der Schlüssel in der mentalen Vorstellung liegt. Wenn jemand nach einem bestimmten Essen schmachtet, sieht er dieses lebhaft vor sich. Experimente zeigten auch bereits, dass die Stärke des Begehrens davon abhängt, wie deutlich das Ersehnte in der Vorstellung erkennbar ist. Und da die Vorstellungskraft für das begehrte Objekt, ob Essen oder auch Alkohol oder Zigaretten, kognitive Ressourcen benötigt, die an anderer Stelle dann fehlen, vermindert Heißhunger die Leistungsfähigkeit des Gehirns. So haben Menschen, die sich gerade ihr Lieblingsessen vorstellen, es schwer, gleichzeitig andere kognitive Aufgaben zu erfüllen. In einem Experiment von 2008 stellten Kemps und Tiggemann fest, dass eine Testpersonengruppe, die intensiv an Schokolade dachte, sich weniger Wörter merken und schlechter mathematische Aufgaben lösen konnte als die Vergleichsgruppe ohne Heißhunger auf Schokolade.

Gehirnkapazität für andere Aufgaben nutzen, um den Heißhunger einzudämmen

Diese Erkenntnisse ließen die Forscher hoffen, dass sich der Zusammenhang zwischen Heißhunger, Vorstellungskraft und der dafür gebrauchten Gehirnkapazität auch umgekehrt nutzen lässt. Sie versuchten also, bestimmte Denkaufgaben und visuelle Übungen einzusetzen, um den Geist so zu beanspruchen, dass weniger Kapazitäten für das Objekt der Heißhungerattacke übrig blieben.
Im Jahr 2007 hatten bereits Versland und Rosenberg in einem Versuch gezeigt, dass Raucher, die in mentalen Assoziationsübungen aufgefordert wurden, sich Szenarien am Strand mit entsprechenden Gerüchen und anderen Sinneneindrücken vorzustellen, ein sinkendes Verlangen nach Zigaretten verspürten. Kemps und Tiggemann verlegten sich jedoch zunächst bewusst auf einfache und möglichst universell einsetzbare Sinnesreize.

Visuelle Heißhungerhemmer im I-Phone als mögliche Zukunftslösung

In ihrer Versuchsreihe wurden die Testpersonen zum Beispiel aufgefordert, sich einen Regenbogen bildlich vorzustellen, oder auch, sich den Geruch von Eukalyptus auszumalen. Die Probanden zeigten durch diese Umlenkung ihrer Aufmerksamkeit durchgehend Besserung. In einem weiteren Experiment beobachteten die Teilnehmer ein schwarz-weißes Flackermuster am Monitor, vergleichbar mit dem Flimmern eines Fernsehers im Suchlauf. Sie bekundeten anschließend, dass sowohl das Bild des von ihnen anvisierten Objekts undeutlicher geworden sei als auch das Essverlangen nachgelassen habe. Die Forscher schöpfen daraus die Hoffnung, dass schon einfache visuelle Ablenkungsmanöver sich als wirksame Methoden im Kampf gegen den Heißhunger erweisen können. Als praktischen Vorschlag regen sie an, die mit weiteren Experimenten noch zu optimierenden visuellen Heißhunger-Hemmer künftig in tragbare Kommunikationsgeräte, wie I-Phones und Netbooks zu integrieren. Ihre weitere Forschung soll sich außerdem auf die Frage richten, inwieweit sich die gewonnenen Erkenntnisse auch auf die Behandlung von Alkoholsucht und anderer Drogenabhängigkeit übertragen lassen.