Vitaminpräparate steigern Diabetes-Risiko
Wissenschaftler der Universitäten Jena und Leipzig erforschen Wirkung von Antioxidantien
Manuela Heberer, Referat Öffentlichkeitsarbeit,
Friedrich-Schiller-Universität Jena
11.05.2009
11.05.2009
(Jena) Bewegung ist gesund. Und wer seinem Körper daneben
noch mehr Gutes tun will, versorgt ihn zusätzlich mit
Vitaminpräparaten. Das stärkt die Abwehrkräfte und erhöht die
Lebenserwartung, so die weit verbreitete Meinung. Fehlanzeige, wie
Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena jetzt
gemeinsam mit Kollegen der Universität Leipzig, dem Deutschen
Institut für Ernährungsforschung in Potsdam und der Harvard Medical
School in Boston herausgefunden haben. "Die gesundheitsfördernde
Wirkung von körperlicher Bewegung wird durch die Einnahme von
sogenannten Antioxidantien in Form von Vitamin C und E sogar
unterdrückt", fasst Prof. Dr. Michael Ristow vom Jenaer Institut für
Ernährungswissenschaften das Ergebnis zusammen.
Antioxidantien fungieren als Radikalfänger. Das
bedeutet, dass sie schädigende Sauerstoffradikale, wie sie bei der
Zellatmung in den Mitochondrien und somit bei Ausdauersport jeder
Art entstehen, unschädlich machen können. "Es ist jedoch so, dass
die durch Sport kurzfristig vermehrt gebildeten freien Radikale
jedoch selbst die körpereigene Abwehr gegen reaktive
Sauerstoffspezies erst in Gang setzen", erläutert Prof. Ristow das
von ihm entwickelte Prinzip der Mitohormesis. "Freie Radikale wirken
langfristig wie ein Impfstoff gegen oxidativen Stress. Antioxidatien
unterdrücken die körpereigene Produktion von freien Radikalen - und
damit diesen Impfeffekt."
Die Forscher haben jetzt festgestellt, dass freie Radikale
(reactive oxygen species, kurz: ROS) sogar den
Blutzuckerstoffwechsel verbessern und damit möglicherweise das
Diabetes-Risiko senken können. In der Studie, bei der 39 junge
Männer über vier Wochen lang ein Sportprogramm durchliefen und
parallel verschiedene Parameter wie Genexpression und
Blutinhaltsstoffe gemessen wurden, testeten die Jenaer
Wissenschaftler den Einfluss von Antioxidantien auf den
Bewegungseffekt. Ihre Ergebnisse sind in der heute erschienenen
Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift "Proceedings of the
National Academy of Sciences (PNAS)" veröffentlicht worden.
"Durch körperliche Bewegung werden die Mitochondrien stärker
aktiviert und damit die Produktion der ROS angekurbelt", so
Projektleiter Ristow. Parallel dazu haben die Wissenschaftler einen
Anstieg der Expression von Genen gemessen, die regulierend auf die
Insulinempfindlichkeit wirken - allerdings nur bei denjenigen, die
keine Vitaminpräparate eingenommen hatten. "Unsere Ergebnisse deuten
darauf hin, dass die durch Bewegung gebildeten ROS einer
Insulin-Resistenz entgegenwirken", konstatiert der Inhaber des
Lehrstuhls für Humanernährung der Universität Jena. "Das bedeutet",
so Ristow weiter, "dass zeitweiliger oxidativer Stress durchaus eine
wichtige Rolle bei der Verhinderung von Typ-2-Diabetes mellitus
spielen kann." Ein Effekt, der jedoch durch die Einnahme von Vitamin
C und E zunichte gemacht werde. "Wir müssen sogar davon ausgehen,
dass Antioxidantien das Diabetes-Risiko eventuell erhöhen, indem sie
die Bildung von ROS verhindern", so der Ernährungswissenschaftler.
Für Menschen, die gesundheitsbewusst leben, besteht allerdings
kein Grund zur Sorge. Der gesundheitsfördernde Effekt von frischem
Obst und Gemüse bleibe unbestritten und wesentlich sei:
Vitamintabletten könnten den Verzehr von Obst und Gemüse keinesfalls
ersetzen - denn diese wären offenbar gesund, obwohl sie
Antioxidatien enthielten.
Originalpublikation: Ristow, M., Zarse, K., Oberbach, A., Klöting,
N., Birringer, M., Kiehntopf, M., Stumvoll, M., Kahn, C. R., Blüher,
M.: Antioxidants Prevent Health-Promoting Effects of Physical
Exercise in Humans
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft e.V
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft e.V
