Das Hormon Ghrelin

Ein interessanter Verdächtiger für Übergewicht und schlechten Schlaf

Dem noch nicht allzu lange bekannten Hormon Ghrelin wird in jüngerer Zeit einige Aufmerksam gewidmet, da es offenbar zahlreiche noch weitgehend unerforschte Wirkungen auf verschiedene biologische Vorgänge entfaltet. Das aus 28 Aminosäuren bestehende Peptid wird vor allem in der Magenschleimhaut gebildet, während sich Synthese-Prozesse in kleinerem Umfang auch in anderen Organen, wie Nieren und Darm, feststellen lassen.
Es ist insbesondere als bekannter Appetitanreger zu einem Hauptverdächtigen unter den Verursachern des Übergewichts geworden, aber auch seine Einflüsse z.B. auf Schlafverhalten, Stressabbau, Zellteilung und kardiovaskuläre Abläufe machen es zu einem vielseitig interessanten Forschungsobjekt.

Ghrelin als Appetitanreger

Ghrelin steuert Appetit und Sättigungsgefühl, indem es Signale vom Magen an das Gehirn sendet. Grundsätzlich steigt der Spiegel vor einer Mahlzeit an und signalisiert dem Gehirn Hunger, um sich nach einem sättigenden Essen wieder abzusenken. In einigen Studien stellte sich bereits heraus, dass die in einer Mahlzeit aufgenommene Nährstoffkonzentration unterschiedliche Kurvenverläufe der Ghrelin-Senkung nach dem Essen bewirkt. So sinkt der Pegel am wenigsten und langsamsten nach dem Konsum von Fetten ab, während eiweißreiche Nahrung dauerhaft den niedrigsten Pegel garantiert und somit ein effektives Sättigungsgefühl hervorruft.
Besonders interessant im Zusammenhang mit Übergewicht sind auch neuere Entdeckungen über unterschiedlich hohe Ghrelin-Spiegel im Blut verschiedener Personengruppen und deren Reaktionen auf die hormonellen Nachrichten. So besteht die Vermutung, dass übergewichtige Personen, die einen durchschnittlich niedrigeren Ghrelin-Pegel aufweisen als Normalgewichtige, eine geringere Sensibilität auf Ghrelin entwickelt haben könnten, so dass das Signal der Sättigung erst viel zu spät und zu schwach gesendet wird, obwohl der Mensch längst satt ist.
Eine beliebte Untersuchungsgruppe stellen insofern für Forscher derzeit die Betroffenen dar, die am Prader-Willi-Syndrom leiden, einer genetisch bedingten Erkrankung, die das Sättigungsgefühl ausschließt und daher mit permanentem Esszwang und Übergewicht verbunden ist. Prader-Willi-Patienten weisen durchschnittlich allerdings einen um 4,5 Mal höheren Ghrelin-Spiegel auf als gesunde Menschen.
Eine Forschungsgruppe in der Schweiz erzielt derzeit gute Erfolge bei der Gewichtsreduktion von Prader-Willi-Patienten mit einer durch Hormontherapie unterstützten Diät, bei der die Nachrichten des Magens an das Gehirn mittels eines Hormonpräparats manipuliert werden. Wenn also das Gehirn die Meldung vom Magen empfängt, er sei schon voll, lässt sich offenbar das empfundene Hungergefühl abmildern. Aus ihren Ergebnissen hoffen die Forscher, langfristig verwertbare Erkenntnisse für die hormonelle Steuerung des Sättigungsgefühls aller Übergewichtigen zu erzielen.

Der Einfluss des Ghrelins auf Schlaf, Stress und Gedächtnisleistung

Anhand des Ghrelins wurde herausgefunden, das überhaupt ein Nachrichtenaustausch zwischen Magen und Gehirn stattfindet, dessen genaues Verständnis bahnbrechende Fortschritte bei der Gewichtssteuerung ermöglichen könnte.
Aber Ghrelin erfüllt wahrscheinlich noch weitere wesentliche Funktionen in der menschlichen Schaltzentrale. So wird nach jüngeren Untersuchungen an Tieren vermutet, dass Ghrelin über die Blutbahn in den Hippocampus im Gehirn eindringt und dort Einfluss auf die Gedächtnisleistung und die Lernfähigkeit nimmt. Da ein niedriger Ghrelin-Spiegel die Gedächtnisleistung erhöhen müsste, lässt es sich vermutlich auch am Tage leichter lernen als in den Nachtstunden, in denen der Ghrelin-Spiegel regelmäßig höher liegt.
Eine an Mäusen durchgeführte Untersuchung, die in der Zeitschrift Nature Neuroscience im Juli 2008 veröffentlicht wurde, bestätigt außerdem die These, dass die Steuerung des Ghrelin-Spiegels zur Linderung der Symptome von Stress und Angstzuständen beitragen kann. Das mit der Sättigung einhergehende Zufriedenheitsgefühl scheint sich demnach auf wesentliche Bereiche außerhalb der puren Nahrungsaufnahme ausweiten zu lassen.
Schließlich hat Ghrelin offenbar Einfluss auf das Schlafverhalten und die Tiefschlafphasen des Menschen, womit sich der Kreis vorläufig schließen lässt. So könnte zur Erklärung für das Phänomen, dass Schlechtschläfer und Kurzschläfer zu einem höheren Body Mass Index neigen als entspannt durchschlummernde Langschläfer, eine Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie dienen, in der sich der Zusammenhang zwischen Schlaf und Ghrelin-Pegel offenbarte. Der im Blut gemessene Ghrelin-Spiegel zeigte sich bei kurzer Schlafdauer stets stark erhöht, während er bei langem und tiefem Schlaf deutlich niedriger lag. Allerdings stieg er bei übergewichtigen Probanden nachts insgesamt schwächer an, was wiederum die These belegen könnte, dass Übergewicht möglicherweise mit einem abweichenden Verlauf des Hormon-Spiegels zusammenhängt.
Quelle: Rolle von Ghrelin in der Regulation von Schlaf, Hormonsekretion und Appetit