Länger leben durch Übergewicht?

Allgemein wird angenommen, dass Übergewicht das Risiko von Krankheiten drastisch erhöht und mit einer verkürzten Lebenserwartung verbunden ist. Eine aktuelle Datenerhebung, die im Deutsche Ärzteblatt veröffentlicht wurde, bringt diese These jedoch ins Wanken.
Dr. Matthias Lenz von der Universität Hamburg und seine Kollegen analysierten anhand einer Auswahl von 42 Datensammlungen die Zusammenhänge zwischen Body Mass Index (BMI); Todesrisiko und der Anfälligkeit für bestimmten Krankheiten und kamen zu überraschenden Ergebnissen: Insgesamt stellten sie bei übergewichtigen Personen mit einem BMI von 25 bis 29,9 keine erhöhte Sterberate fest. Bei Adipositas, d.h. starkem Übergewicht, das bei einem BMI ab 30 angenommen wird, zeichnete sich jedoch ein um etwa 20 % erhöhtes Todesrisiko ab, das mit zunehmendem Alter jedoch immer weniger deutlich ausfiel.
Bei der Betrachtung einzelner Erkrankungen zeigten sich sowohl solche, die bei Übergewichtigen häufiger auftreten, als auch einige mit gleicher Verteilung auf alle Gewichtsgruppen. Schließlich fanden sich aber auch Krankheiten, die bei Übergewichtigen weniger oft vorkommen oder seltener zum Tod führen, so dass gegen einige Risiken das Gewicht offenbar sogar als Schutz fungieren kann.

Übergewicht geht mit erhöhtem Risiko für Herzkrankheiten und Diabetes einher

Für Herzkrankheiten weisen Übergewichtige nach der Auswertung erhöhte Anfälligkeiten auf, wobei allerdings geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen und sich auch über den BMI hinaus das Verhältnis der Fettverteilung zwischen Bauch und Hüften als entscheidend herausstellte. Bei Männern scheint das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen mit einem ungünstigen Taille-Hüft-Verhältnis zu steigen, während bei Frauen kein Zusammenhang mit der Verteilung offenbar wurde. Unabhängig vom Geschlecht wurde ein erhöhtes Risiko für die koronare Herzkrankheit im Ausmaß von etwa 20 % bei Übergewicht und sogar 50 % bei Adipositas offenbar.
Für Diabetes vom Typ 2 zeigten sich erheblich höhere Risiken bei einem BMI ab 27 aufwärts. Bereits ab einem BMI von 27,2 besteht ein um 100 % erhöhtes Diabetes-Risiko, das sich ab 29, 4 sogar auf 300 % erhöht. Auch bei Asthma und einigen Nierenerkrankungen wurden, zum Teil mit geschlechtsspezifische Unterschieden, höhere Risken für Übergewichtige festgestellt.

Übergewichtige sind weniger anfällig für Frakturen und einige Krebserkrankungen

Niedrigere Risiken tragen Übergewichtige dagegen im Hinblick auf orthopädische Komplikationen. Grundsätzlich treten Knochen- und Hüftfrakturen im Bereich unterer BMI-Werte häufiger auf und zeigen bei höherem Gewicht sinkende Tendenzen.
Bei Krebserkrankungen ergaben sich angesichts der Vielzahl ihrer Arten und Erscheinungsformen völlig unterschiedliche Ergebnisse für jede Gewichtsgruppe. Insgesamt jedoch war das Mortalitätsrisiko für Männer mit Übergewicht um 7 % niedriger als für Normalgewichtige. Bei Frauen wurden Unterschiede zwischen Normal- und Übergewicht nicht ersichtlich, erst bei extremer Adipositas mit einem BMI von über 40 zeigte sich ein leicht erhöhtes Sterberisiko im Zusammenhang mit Krebserkrankungen.

Keine Empfehlung für ein bestimmtes Gewicht

Matthias Lenz weist zunächst auf viele mögliche Fehlerquellen hin, die aus der Uneinheitlichkeit der ausgewerteten Daten und einiger nicht berücksichtigungsfähiger Störfaktoren resultieren.
Die sich abzeichnenden Tendenzen betrachtet er jedoch als plausibel, da bei einigen schweren Krankheiten, die die körperliche Substanz angreifen, ausreichende Reserven einen lebensrettenden Widerstand bilden können. So schützt ein hohes Gewicht vor mancher Infektions- und Krebserkrankung und kann, wie bisherige Studien gezeigt haben, auch die Regeneration nach einem Herzinfarkt begünstigen.
Allerdings möchte er aus den Ergebnissen keine Empfehlungen ableiten, vielmehr kann fast jedes Gewicht bestimmte Vor- und Nachteile bergen. Während sich Untergewicht definitiv lebensverkürzend auswirkt, sollte ein entsprechendes Pauschalurteil über das Übergewicht jedoch neu überdacht werden.